Oder: Wie ich mich bemühe, gleichzeitig konservativ, genervt, tolerant und Demokrat zu sein.
Ich habe AWMS. das „Alter-Weißer-Mann-Syndrom“. Zumindest sagt das Internet das. Ausgelöst wurde meine Selbstdiagnose durch dieses herrliche extra-3-Video: Diagnose: Alter-Deutscher-Mann-Syndrom | extra 3
Und während ich lachte, wurde mir irgendwann unangenehm klar:
Verdammte Axt.
Ein paar Symptome habe ich wirklich.
Ich bin ein alter weißer Mann.
Gut. Noch nicht uralt. Aber alt genug, dass morgens plötzlich Körperteile knacken, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass sie existieren.
Ich wohne im Grünen. Ich grille mit religiöser Ernsthaftigkeit. Ich bin hetero. Ich fluche über schlechte Handwerksarbeit und mache sie trotzdem selber. Ich rege mich über Verkehr auf. Ich mag meine Ruhe. Ich finde einzeln stehende Häuser mit Werkstatt und Feuertonne gut. Und ich halte manche modernen Debatten für kompletten Quatsch.
Auf anderen Ebenen wiederum bin ich ungefähr so konservativ wie ein Berserker auf Fliegenpilz. Nationaldeutsch bin ich nämlich eher nicht. Ich fühle mich kulturell Schleswig-Holstein, Jütland, Küste, Norden, Wind und plattdeutschem Gemurmel näher als Berlin, München oder irgendeiner großdeutschen Fantasie. Wenn ich ehrlich bin: Ich wäre emotional lieber deutschsprachige Minderheit in Dänemark als patriotischer Bundesadler-Schwenker. Mit Kirche kann ich wenig anfangen. Mit Fußball auch nicht. Und diese aufgeladenen PS-Monster, die aussehen wie testosterongesteuerte Paarungsrituale auf Rädern, interessieren mich ungefähr so sehr wie Häkelkurse für Frettchen. Ich lese keine Bild. Mich gruseln sterile Neubaugebiete mit handtuchgroßen Grundstücken. Kulturell wurde ich eher links-grün versifft sozialisiert. Die Punks hatten einfach bessere Partys. Die besseren Geschichten. Die bessere Musik. Und die Burschenschafts-Heinis wirkten damals schon wie schlecht gelaunte Statisten aus einem Loriot-Sketch. Trotzdem docke ich bei einem Satz emotional an: „Das ist nicht mehr mein Land.“ Und jetzt wird’s unangenehm.
Denn ja: Ich glaube, dass eine monokulturelle Gesellschaft stressfreier wäre. Nicht moralisch besser. Nicht gerechter. Nicht spannender. Aber stressfreier. Ja, ich finde es praktisch, wenn Menschen in meinem Land meine Sprache sprechen. Im Supermarkt. Beim Paketdienst. Beim Arzt. Im Alltag. Und nein: Das macht mich nicht automatisch zum Faschisten.
Ich könnte problemlos eine lange Liste merkwürdiger und unangenehmer sozialer Interaktionen im öffentlichen Raum aufzählen, bei denen kulturelle Unterschiede sichtbar werden.
Genauso könnte ich aber auch eine Liste deutscher Vollidioten aufschreiben. Das Problem ist nur: Über die eine Liste darf man öffentlich reden. Über die andere nur sehr vorsichtig.
Und genau da entsteht gesellschaftlicher Sprengstoff. Ja: Ich glaube, dass unser Sozialsystem überfordert wird, wenn dauerhaft mehr Menschen Leistungen empfangen als einzahlen.
Das war übrigens bei der Wiedervereinigung ebenfalls ein Thema. Nur trugen die Menschen damals halt andere Dialekte. Und hören will das auch niemand gerne.
Und ein Macho bin ich vielleicht auch noch. Ich müsste meine Freundin fragen. Aber die Antwort könnte mir nicht gefallen. Also halten wir fest: Ich bin biodeutsch. Ich habe kulturelle Vorurteile. Ich denke manchmal konservativ. Ich bin genervt von manchen Entwicklungen. Und mein innerer Höhlenmensch lebt vermutlich noch.
Ganz anders übrigens als mein Magen. Der ist radikaler Internationalist. Der möchte, dass sich die Küchen aller Länder friedlich in meinem Bauch vereinen. Pizza. Falafel. Gyros. Butter Chicken. Hotdogs. Smørrebrød. Ramen. Pho-Suppe. Piroggen, Sushi. Dazu Sake, Wodka, amerikanischer Wein und ein kühles Guinness. Alles rein. Kulinarischer Weltfrieden.
Ich pinkele zuhause übrigens im Stehen. Auf der Toilette zu Hause, die ich selbst putze. Ich habe mich wahrscheinlich schon des Manspreadings schuldig gemacht. Aber wenn man gebaut ist wie ein norddeutscher Kleiderschrank mit Bandscheibenschäden, sitzt man manchmal halt breitbeinig. Außerdem bin ich Vater. Und ich sage ganz offen: Die Erfahrung, als Mann teilweise darum kämpfen zu müssen, emotional und praktisch eine gleichwertige Rolle im Leben der eigenen Kinder spielen zu dürfen, hat meine Sicht auf Geschlechterrollen massiv geprägt.
Ich liebe meine Kinder. Ich habe Kinderärsche sauber gemacht. Ich habe getröstet, gekocht, gebacken, geputzt, geschimpft, umarmt und schlaflose Nächte überlebt.
Ich schneide meiner über 90-jährigen Mutter die Fußnägel. Ich weiß ziemlich genau, was Care-Arbeit ist.
Deshalb fühle ich mich manchmal ehrlich gesagt komplett verarscht, wenn alte weiße Männer pauschal als gesellschaftliches Grundproblem dargestellt werden.
Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt: Das hier ist keine Opferrede. Denn ich bin Demokrat. Und Demokrat sein bedeutet: Die eigene Meinung nicht mit göttlicher Wahrheit zu verwechseln. Es bedeutet: Aushalten zu können, dass andere Menschen anders leben wollen. Es bedeutet: Nicht jede emotionale Reaktion zur politischen Ideologie hochzujazzen. Und manchmal bedeutet Demokratie auch: Einfach mal die Fresse zu halten.
Nicht aus Angst. Sondern aus Klugheit. Ich kann die Welt nicht „widdewidde wie sie mir gefällt“ machen. Ich lebe in ihr. Mit anderen.
Vor Kurzem passierte etwas Seltsames: Ich war freiwillig bei einer Konfirmation. Wirklich freiwillig. Wenn auch leicht knurrend. Denn ich halte organisierte monotheistische Buchreligionen in ihrem Kern für hochproblematisch: postfaktisch, freiheitsfeindlich, abgrenzend und historisch betrachtet oft brandgefährlich. Jedenfalls erzählte der Presbyter in seiner Predigt, wie Gott beim Strandspaziergang mit ihm gesprochen hätte. Ich musste innerlich sehr tief atmen. Sehr. Tief. Und dachte an Helmut Schmidt, der sinngemäß meinte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Er meinte das im politischen Kontext, nicht im religiösen. Schmidt verstand aber eben auch: Menschen brauchen Halt. Rituale. Gemeinschaft. Etwas, woran sie sich festhalten können, wenn alles auseinanderfliegt. Deswegen ist er selbst in der Kirche eingetreten, als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche lag. Also atmete ich meinen inneren Zynismus weg. Und drehte das Bild für mich um.
Als ich neulich am Strand spazieren ging, da sprach Odin, der Allvater, zu mir. Odin, der sich für Weisheit an Yggdrasil erhängte. Der den Skaldenwein trank, um uns schöne Worte zu schenken. Der alte einäugige Wanderer mit den endlos vielen Namen, der alle Geschichten kennt. Der durch seine Raben Hugin und Munin alles gesehen hat und alles weiß.
Und Odin sagte: „Krischan… das sind deine Leute. Dein Clan. Dein selbstgewählter Stamm. Dann geh halt mit ihnen in ihre Kirche. Ich drück ein Auge zu.“
Vielleicht ist genau DAS der Punkt. Nicht, dass wir alle gleich denken. Nicht, dass wir alle dieselben Werte haben. Nicht, dass wir plötzlich woke werden, vegan leben und gemeinsam Makramee für den Weltfrieden knüpfen. Sondern: Dass wir Brücken bauen. Zwischen Menschen. Zwischen Lebenswelten. Zwischen Kulturen. Zwischen Generationen. Zwischen genervten alten weißen Männern und hypermoralischen LinkedIn-Aktivisten. Denn die Wahrheit ist: Die meisten Menschen wollen einfach in Ruhe leben. Sich zugehörig fühlen. Geliebt werden. Nicht komplett überfordert sein. Und nicht ständig Angst haben müssen, das Falsche zu sagen. Genau dort setzt train2policy an. Nicht mit moralischem Dauerfeuer. Nicht mit Diversity-Sprech aus PowerPoint-Höllen. Nicht mit ideologischer Reinheitsprüfung. Sondern mit einer simplen Frage: Wie arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Meinungen, Temperamenten und Lebensrealitäten vernünftig zusammen, ohne sich permanent gegenseitig zu hassen? Das ist schwieriger als jede KI-Transformation. Besonders in den Zeit von Social Media.Aber vermutlich wichtiger.
