gibt Bücher, die man liest und wieder vergisst.
Und es gibt Bücher, die den Blick auf die Welt verändern.
Für mich gehört „Die Systemische Therapie... und gut: Ein Lehrstück mit Hägar“ von Jürgen Hargens zu dieser zweiten Kategorie.
Nicht nur, weil Jürgen Hargens seit vielen Jahren zu meinen fachlichen Vorbildern gehört. Sondern weil er etwas schafft, das erstaunlich selten gelingt:
Er verbindet tiefes systemisches Denken mit Humor.
Und er zeigt anhand einer Comicfigur, die viele eher für einen bierliebenden Wikinger halten würden, wie kompliziert – und gleichzeitig wie einfach – menschliche Kommunikation sein kann.
Was hat Hägar mit systemischer Beratung zu tun?
Auf den ersten Blick nicht viel.
Hägar der Schreckliche ist ein Wikinger.
Er liebt Bier.
Er liebt es, nicht zu arbeiten.
Er gerät regelmäßig mit seiner Frau Helga aneinander.
Und genau darin liegt die Genialität.
Denn die meisten Missverständnisse entstehen nicht in hochkomplexen Vorstandssitzungen.
Sie entstehen im Alltag.
Zwischen Menschen, die sich eigentlich gut kennen.
Zwischen Menschen, die sich mögen.
Zwischen Menschen, die glauben, genau zu wissen, was der andere meint.
Hägar möchte Bier. Helga möchte Liebe.
Viele der Comicstrips folgen einem ähnlichen Muster.
Hägar spricht über das, was ihn beschäftigt.
Helga über das, was sie bewegt.
Beide reden.
Aber oft nicht über dasselbe.
Während Hägar von Bier, Essen oder Bequemlichkeit träumt, sehnt sich Helga vielleicht nach Aufmerksamkeit, Anerkennung oder Nähe.
Und plötzlich merkt man:
Das ist gar kein Wikingerproblem.
Das ist ein Menschenproblem.
Wir alle kennen Situationen, in denen zwei Personen scheinbar über dasselbe Thema sprechen und trotzdem aneinander vorbeireden.
Nicht weil jemand böse ist.
Nicht weil jemand nicht zuhört.
Sondern weil unterschiedliche Bedeutungen hinter den gleichen Worten liegen.
Das Geheimnis liegt oft im „Dahinter“
Eine der schönsten Erkenntnisse systemischer Arbeit lautet:
Die eigentliche Frage ist selten die offensichtliche Frage.
Hinter Ärger steckt oft Enttäuschung.
Hinter Widerstand steckt oft Sorge.
Hinter Kritik steckt manchmal ein unerfüllter Wunsch.
Und hinter vielen Konflikten steckt schlicht das Bedürfnis, verstanden zu werden.
Genau das macht Hargens in seinem Buch sichtbar.
Er nimmt die kleinen Alltagsszenen von Hägar und zeigt, welche Kommunikationsmuster, Erwartungen und Bedeutungszuschreibungen dahinter liegen.
Plötzlich wird aus einem Comicstrip eine kleine Lektion über Beziehungen.
Die Lösung ist oft kleiner als das Problem
Was mich an systemischem Denken bis heute fasziniert:
Es sucht nicht nach Schuldigen.
Es sucht nach Unterschieden.
Nach Perspektiven.
Nach Möglichkeiten.
Viele Menschen kommen in Beratungen mit dem Gefühl, vor einem riesigen Problem zu stehen.
Ein Konflikt im Team.
Ein Streit in der Familie.
Ein festgefahrenes Gespräch.
Und manchmal stellt sich heraus:
Die Lösung ist viel kleiner als gedacht.
Nicht immer leicht.
Aber kleiner.
Manchmal genügt eine andere Frage.
Ein Perspektivwechsel.
Ein Satz, der bisher nicht ausgesprochen wurde.
Oder die Erkenntnis, dass zwei Menschen schlicht unterschiedliche Wirklichkeiten erleben.
Warum ich Hägar jedem Kommunikationstrainer empfehlen würde
Natürlich ist Hägar kein wissenschaftliches Fachbuch.
Und genau das ist seine Stärke.
Die Geschichten sind zugänglich.
Humorvoll.
Menschlich.
Sie zeigen Kommunikationsmuster dort, wo wir sie alle kennen: im Alltag.
Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum mich das Buch von Jürgen Hargens so beeindruckt hat.
Es erinnert daran, dass Kommunikation nicht nur aus Modellen, Methoden und Fachbegriffen besteht.
Sondern aus Menschen.
Mit ihren Hoffnungen.
Ihren Missverständnissen.
Ihren Eigenheiten.
Und ihrer manchmal erstaunlichen Fähigkeit, sich gegenseitig falsch zu verstehen.
Fazit
Wer sich für Kommunikation, Beratung oder Führung interessiert, sucht oft nach den großen Konzepten.
Dabei verstecken sich viele der wichtigsten Erkenntnisse in kleinen Geschichten.
Jürgen Hargens zeigt mit Hägar dem Schrecklichen, dass systemisches Denken nicht kompliziert sein muss.
Manchmal genügt ein Comicstrip, um zu erkennen, was in einer Beziehung, einem Team oder einer Organisation gerade wirklich passiert.
Und manchmal ist das „Dahinter“ gar nicht so groß, wie wir glauben.
Vielleicht brauchen wir nur jemanden, der uns hilft, genauer hinzusehen.
Oder einen Wikinger, der eigentlich nur ein Bier wollte.
