Flensburg ist keine schöne Stadt!
Vor ein paar Tagen saß ich mal wieder im Zug des Grauens. Wer regelmäßig zwischen Hamburg und Flensburg pendelt, kennt die RE7. Den Zug, der in Neumünster geteilt wird. Den Zug, in dem man oft im falschen Wagenteil sitzt. Den Zug, der manchmal so voll ist, dass man froh sein kann, überhaupt einen Platz zu bekommen. Diesmal hatte ich Glück. Richtiger Wagen. Sitzplatz. Ruhe. Jedenfalls fast.
Das Abteil war bis auf den letzten Platz besetzt. Im Gang standen noch ein paar Leute. Eine Gruppe Jugendlicher Straßen Spucker an der Ausgangstür lachte laut. Irgendwo klapperte eine Getränkeflasche gegen einen Sitz. Die übliche Geräuschkulisse einer langen Zugfahrt.
Dann begann eine Frau, sich mit einem Segler ihr gegenüber zu unterhalten, der auf dem Weg zu seinem Boot war. Eigentlich wirkte sie sympathisch. Sie sprach leider ungefähr drei Lautstärken über dem, was man gemeinhin als normales Gespräch bezeichnet.
Und plötzlich sagte sie:
„Flensburg ist keine schöne Stadt.“ Man konnte förmlich hören, wie das Abteil die Luft anhielt.
„Hat nichts.“
Pause.
„Ich mag Flensburg nicht.“
Sie redete weiter. Nichts Besonderes. Nicht schön. Kein Grund hinzufahren. Ihr Gesprächspartner antwortete höflich, aber einsilbig.
Und ich? Ich saß da und rollte innerlich bereits die Fahne mit dem Flensburger Wappen aus.
Geht doch dahin zurück, wo du herkommst, dachte ein kleiner, wenig diplomatischer Teil meines Gehirns. Denn Flensburg ist meine Heimat. Meine wunderbar deutsch-dänische Heimatstadt. Die Stadt am Fjord. Die Stadt der Rumhäuser. Die Stadt der Flensburger Brauerei. Die Stadt, in der Generationen von Flensburgern in der inzwischen leider geschlossenen Fördeklinik geboren wurden. Die Stadt von Pita. Vom Roxy - das ich Tarzan mal vermissen würde, hätte ich echt nicht gedacht. Wo Mutlu hinter dem Tresen des Porticus regiert. Buntes Zuhause der Teichstraßen Assis, der Schrägenvögel des Piratennests und des Hafermarktes. Vom Museumsberg. Vom Idstedter Löwen. Nur die SG. Die Stadt die so doof war den Kollunder Wald zu verkaufen. Vom Wind. Vom Wasser. Von all den Geschichten, die nur Menschen verstehen, die hier groß geworden sind. Die Kulisse meiner Jugend. Der Hintergrund zahlloser Abenteuer.
Natürlich ist Flensburg nicht perfekt. Aber Heimat ist selten perfekt. Heimat ist ein Gefühl. Und dieses Gefühl verteidigen Menschen oft mit erstaunlicher Leidenschaft.
Irgendwann hinter Schleswig muss der Frau aufgegangen sein, dass fast niemand aus dem Wagen ausgestiegen war. Dass sie vermutlich gerade einen ganzen Waggon voller Flensburger dabei belauschen konnte, wie sie deren Heimat zerlegte.
Sie wurde jedenfalls deutlich ruhiger. Und während ich noch innerlich schmollte, kam mir ein anderer Gedanke. Vielleicht erleben viele Menschen genau dieses Gefühl. Nicht nur in Flensburg. Sondern überall.
Wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Heimat verschwindet. Wenn Menschen neu dazukommen. Wenn sich Sprache verändert. Wenn Gewohnheiten verschwinden. Wenn plötzlich alles anders wird. Vielleicht ist das der Grund, warum Berliner über die Schwaben schimpfen. Warum Dörfer über Zugezogene diskutieren. Warum Regionen manchmal nervös werden, wenn sich ihre Kultur verändert.
Denn hinter vielen Konflikten steckt gar nicht unbedingt Ablehnung. Oft steckt Angst dahinter. Die Angst, etwas zu verlieren, das man liebt.
Und gleichzeitig ist die Wahrheit komplizierter. Denn die Heimat, die ich verteidigen wollte, war schon immer ein Ort der Veränderung. Pita kommt aus Griechenland. Der Rum kam über die Antillen nach Flensburg. Der Hopfen fürs Bier wächst nicht vor der Haustür. Die SG spricht Dänisch und Deutsch. Und mancher Neustadt-Türke ist heute vermutlich mehr Flensburger als ich. Heimat war nie ein Museum. Heimat war immer ein lebendiger Prozess. Sie wächst. Sie verändert sich. Sie nimmt Menschen auf. Und genau darin liegt eine spannende Frage. Nicht nur für Städte. Auch für Unternehmen. Wie schafft man Zugehörigkeit, ohne Gleichförmigkeit zu verlangen? Wie bewahrt man eine Kultur, ohne Menschen auszuschließen?
Wie lädt man neue Kolleginnen und Kollegen ein, Teil einer Gemeinschaft zu werden, ohne den eigenen Kern aufzugeben?
Wie wird ein Unternehmen zu einer Heimat auf Zeit? Ein Ort, an dem Menschen sagen können: „Hier gehöre ich dazu.“
Genau diese Fragen begegnen uns immer wieder in Veränderungsprozessen. Menschen wollen Teil von etwas sein. Sie wollen Orientierung. Sie wollen Identität. Sie wollen wissen, was bleibt, wenn sich alles andere verändert.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe von Führung, Kulturarbeit und Change Management: Brücken bauen. Menschen einladen. Einen Kern bewahren. Und gleichzeitig Platz schaffen für Neues.
Bei Train2Policy beschäftigen wir uns genau mit dieser Frage:
Wie entsteht Zugehörigkeit in einer Welt, die sich ständig verändert?
Die Antwort beginnt oft nicht mit Prozessen.
Sondern mit Heimat.



