Meine Mutter hat einmal leicht genervt mit den Schultern gezuckt, als sie jemandem erklärte, was ihr Sohn beruflich macht.
„He is een Schnacker.“ Er redet halt. Erklärt Dinge. Stellt Fragen. Sitzt mit Menschen zusammen und spricht über Probleme. Wenn man ehrlich ist, klingt Coaching, Training und Supervision für viele Menschen tatsächlich genau so. Nach einer Mischung aus Kaffeeklatsch, Motivationsseminar und teuer bezahltem Gerede.
Natürlich hoffe ich, dass es etwas mehr ist. An zwei Begegnungen aus meinem Leben muss ich dabei immer wieder denken.
Die erste stammt von meinem Vater. Er war Beamter beim Kraftfahrt-Bundesamt und hat in den 1990er-Jahren zahlreiche Fortbildungen besucht. Besonders die Kommunikations- und Führungstrainings sorgten regelmäßig für Erzählstoff am Küchentisch.Eine Geschichte ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Der Trainer sagte:
„Zeichnen Sie bitte ein Bild, wie Sie sich gerade fühlen.“
Mein Vater zeichnete ein leeres Quadrat.
„So fühle ich mich. Stabil. Vier Ecken.“
Danach erklärte er zuhause ausführlich, was für eine unfassbar blöde Methode das gewesen sei.
Damals musste ich lachen.
Heute denke ich: Wahrscheinlich hatten beide ein bisschen recht.
Der Trainer hatte eine Methode gewählt, die meinen Vater nicht erreichte. Mein Vater wiederum hat sich vermutlich nie gefragt, warum ihn diese Aufgabe so geärgert hat.
Das zweite Beispiel stammt von Wacken.
Ich und eine Gruppe älterer Herren. Alles gestandene Männer. Handwerker, Beamte, Führungskräfte. Irgendwann kam die Frage auf, was ich beruflich mache.
Als ich Training, Coaching und Supervision erwähnte, kam sofort die Antwort:
„Also dafür sorgen, dass die Firmen für nichts viel Geld bezahlen?“
Gelächter. Wieder ein Beamter übrigens. Und ehrlich gesagt verstehe ich auch diese Reaktion. Es gibt schlechte Trainer. Es gibt Coaches, die nach drei Büchern und einem Wochenendseminar die Welt retten wollen. Es gibt Supervisoren, die jede Diskussion in ein Räucherstäbchen-Seminar verwandeln. Es gibt jede Menge Schnacker. Aber daraus folgt nicht, dass die Arbeit an sich sinnlos ist.
Die spannendste Frage ist doch: Warum nutzen eigentlich gerade die Berufe, die besonders unter Druck stehen, oft so wenig externe Reflexion?
Warum ist Supervision in vielen Schulen eher die Ausnahme als die Regel? Lehrer treffen täglich Entscheidungen über Kinder, Eltern, Konflikte und Zukunftschancen.Warum gilt es vielerorts als selbstverständlich, dass sie das alles alleine verarbeiten?
Ähnlich bei Ärzten. Tod. Leid. Verantwortung. Zeitdruck. Fehlentscheidungen. Schicksale.
Und trotzdem herrscht häufig die Vorstellung, dass man das alles einfach wegatmet und weitermacht.
Ich glaube das nicht.
Ich glaube sogar das Gegenteil.
Wir haben individuell viel zu wenige Therapeuten. Und organisatorisch viel zu wenig Reflexion. Viel zu wenig Menschen von außen, die Fragen stellen dürfen. Viel zu wenig Gelegenheiten, eingefahrene Muster zu erkennen. Viel zu wenig Räume, in denen Konflikte ausgesprochen werden können, bevor sie Organisationen vergiften.
Denn genau dort beginnt die eigentliche Aufgabe von Training, Coaching und Supervision. Nicht beim Wohlfühlen. Nicht bei bunten Moderationskarten. Nicht bei Bildern von Bäumen oder Gefühlswolken. Sondern dort, wo es unangenehm wird.
Beim Chef, über den niemand offen spricht.
Beim Kollegen, mit dem seit Monaten ein kalter Krieg läuft.
Beim Kundenservice, der seit Jahren unfreundlich ist und den trotzdem alle für normal halten.
Bei der Digitalisierung, die offiziell beschlossen wurde, aber in Wirklichkeit niemand will.
Bei der KI-Transformation, über die alle reden und vor der viele heimlich Angst haben.
Dort beginnt die Arbeit. Ich halte die starren Außengrenzen von Organisationen für gefährlich. Drinnen entsteht schnell die Überzeugung, dass alles normal ist. Dass man schon immer so gearbeitet hat.Dass die Probleme unvermeidbar sind.Dass die Kunden eben schwierig sind. Dass die Mitarbeiter eben faul sind. Dass die Führungskraft eben so ist. Der Blick von außen kann diese Selbstverständlichkeiten infrage stellen. Manchmal vorsichtig. Manchmal unbequem. Manchmal schmerzhaft.
Aber Entwicklung entsteht fast nie ausschließlich aus der Innensicht.
Vielleicht bin ich tatsächlich nur ein Schnacker.
Aber wenn ich meine Arbeit gut mache, dann bin ich ein Schnacker, der den Finger genau auf die Stelle legt, an der es weh tut. Und erstaunlich oft beginnt genau dort Veränderung. Deshalb glaube ich an meinen Beruf. Nicht, weil ich rede. Sondern weil ich immer wieder sehe, was passiert, wenn Menschen anfangen, ehrlich miteinander zu reden.
