Digitale Reifeprüfung statt KI-Hype – Warum vielen Unternehmen die Grundlagen fehlen.

Reifeprüfung

Oder: Warum ich mich in Supervision und Coaching manchmal frage, ob ich gerade Organisationsentwicklung mache – oder IT-Beratung.

Neulich saß ich wieder in einer Supervision. Wir sprachen über Arbeitsbelastung, Kommunikation, Prozesse, Rollen und Zusammenarbeit. Also über die klassischen Themen, die in Supervision und Coaching immer wieder auftauchen.

Und irgendwann dachte ich:

Moment mal. Wir reden hier über Symptome. Das eigentliche Problem steht direkt vor uns auf dem Tisch.

Die Daten sind chaotisch. “Ablageordner in Papier”, Unstrukturierte Vorlagen.  Informationen liegen in fünf Systemen. Wissen steckt in Köpfen. Dokumente werden gesucht statt gefunden. Mitarbeitende kämpfen mit Aufgaben, die schon vor zehn Jahren unnötig gewesen wären.

Und während ich privat mit mehreren KI-Systemen arbeite, Agenten teste, Wissen strukturiere und mir täglich neue Anwendungsfälle anschaue, stelle ich fest: Ich lebe in einer Blase. Einer ziemlich kleinen Blase.

Denn draußen sieht die Realität oft anders aus.

Die große digitale Selbstüberschätzung

Viele Menschen halten sich heute für digital fit. Warum auch nicht? Sie besitzen ein Smartphone. Sie nutzen WhatsApp. Sie haben bestimmt  schon immer mal wieder ChatGPT genutzt. Sieben haben der kostenlosen Version eine Frage gestellt und sind daher der Meinung, dass sie bei KI „mitreden können“.

Das Problem ist nur: Das ist ungefähr so, als würde jemand einmal einen Hammer in die Hand nehmen und sich anschließend Schmied nennen.

Die Forschung zeichnet ein ernüchterndes Bild.

 

Deutschland ist nahezu vollständig online. Fast alle Haushalte verfügen über Internetzugang. Gleichzeitig erfüllen laut D21-Digitalindex nur etwa die Hälfte der Bevölkerung die grundlegenden digitalen Basiskompetenzen.

Wenn ich von Basiskompetenzen spreche meine ich: 

 

  • Die Informationskompetenz (Wo finde ich was? Wie bewerte ich die Information?); 

  • Die Daten- und Dokumentenkompetenz (Mit Daten und Programmen arbeiten und sie bearbeiten und wiederfinden); 

  • Die Kommunikationskompetenz (Digitale Kommunikation und Nutzung von Kollaborationstools); 

  • Die Sicherheits- und Datenschutzkompetenz (Sichere Passwörter, Erkennen von Phishing, Scammern und anlegen von Backup-Strukturen); 

  • Problemlösungs- und Systemkompetenz (Auswahl von Werkzeugen, Fehler eingrenzen, Zusammenhänge verstehen, Prozesse verstehen).  


Mit anderen Worten: Wir haben den Zugang digitalisiert. Nicht aber die Kompetenz.

 

Die Generation Smartphone

Besonders spannend finde ich die Diskussion über die sogenannten „Digital Natives“. Lange galt die Annahme: Wer mit Smartphone und Internet aufgewachsen ist, muss automatisch digital kompetent sein. Die Forschung sagt inzwischen etwas anderes. Die Einteilung in „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“ gilt heute als wissenschaftlich zu grob. Alter allein erklärt die digitale Kompetenz nur sehr begrenzt. Wichtiger sind Bildung, Erfahrung, Übung und Nutzungskontext.

Und ganz ehrlich: Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Ich begegne jungen Menschen, die jeden Tag mehrere Stunden am Smartphone verbringen. Aber sie können keine Excel-Tabelle mit Formeln erstellen. Sie wissen nicht, wie Dateien organisiert werden. Sie haben kein Backup. Sie können Nachrichten nicht einordnen. Sie verstehen nicht, wie Suchmaschinen funktionieren. Sie können bei einem Problem am Computer kaum selbstständig nach Lösungen suchen.

Sie konsumieren digitale Medien. Sie beherrschen sie nicht. Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Beobachtung.

Computer-Analphabeten mit WLAN

Vielleicht klingt das hart. Aber manchmal habe ich den Eindruck, wir erleben eine neue Form des Analphabetismus. Nicht den Mangel an Buchstaben. Sondern den Mangel an digitalem Verständnis. Menschen können lesen. Aber sie können Informationen nicht bewerten. Sie können schreiben. Aber keine Daten strukturieren. Sie können kommunizieren. Aber nicht zwischen Quelle, Meinung, Werbung, Manipulation und Fakten unterscheiden. Der Unterschied zwischen Nutzung und Verständnis ist gewaltig. Viele können ein Gerät bedienen. Wenige verstehen, wie es funktioniert. Noch weniger verstehen, welche Konsequenzen daraus entstehen.

Und genau dort beginnt die eigentliche Herausforderung der KI.

KI löst keine Kompetenzprobleme

In Unternehmen beobachte ich häufig eine gefährliche Hoffnung: „KI wird das schon richten.“ Nein. Wird sie nicht.

KI verstärkt vorhandene Fähigkeiten. Und sie verstärkt vorhandene Schwächen. Wer seine Daten nicht im Griff hat, bekommt mit KI schneller Chaos. Wer schlechte Prozesse hat, bekommt mit KI schlechtere Prozesse in höherer Geschwindigkeit. Wer Informationen nicht bewerten kann, produziert mit KI mehr fragwürdige Informationen.

Professor Ulrich Lenz beschreibt KI deshalb nicht als reine Technologiefrage, sondern als Veränderung von Organisationen, Interaktionen und Entscheidungsprozessen (Siehe “Generative künstliche Intelligenz als Game Changer?”, Professor Ulrich Lenz, DGsV, Positionen, 2/2023 . Er fordert ausdrücklich, dass Beratung, Coaching und Organisationsentwicklung sich mit diesen Themen beschäftigen müssen. Ein Satz aus seinen Überlegungen bleibt bei mir hängen:

Es wird künftig weniger darauf ankommen, ob jemand Zugang zu KI hat, sondern ob er die Fähigkeiten besitzt, sie wertschöpfend einzusetzen.

Genau das erlebe ich.

Die Steuerkanzlei, die Bildungseinrichtung und der Elefant im Raum

Besonders sichtbar wird das in Branchen, die sich gerade massiv verändern. Steuerberatung. Weiterbildung. Verwaltung. Schule. Wissensarbeit. Überall dort, wo Informationen verarbeitet werden.

Ich treffe junge Unternehmensnachfolger, die hoch motiviert sind, aber kaum eine Vorstellung davon haben, was gerade technologisch passiert. Ich treffe Mitarbeitende in Bildungseinrichtungen, die Stunden damit verbringen, Unterrichtsmaterialien, Ausschreibungen oder Konzepte zu erstellen. Zum Teil mit dem Kopierer. 

Wenn man nachfragt, kennen viele die Möglichkeiten moderner KI-Systeme kaum. Nicht aus Ablehnung. Sondern weil ihnen niemand gezeigt hat, was heute möglich ist. Instituionelles Versagen. Und genau hier beginnt mein Dilemma als Supervisor.

Darf ich das überhaupt ansprechen?

Ist das noch Supervision? Oder ist das schon IT-Beratung?

Wenn ein Team über Überlastung klagt, aber jeden Tag Stunden durch schlechte Informationsorganisation verliert – darf ich das ansprechen?

Wenn Führungskräfte über Effizienz diskutieren, aber keinerlei Vorstellung davon haben, welche Werkzeuge existieren – gehört das ins Coaching?

Wenn eine Organisation über Zukunftsfähigkeit spricht, aber ihre Mitarbeitenden digitale Grundkompetenzen nicht beherrschen – ist das ein Thema für Organisationsentwicklung?

Ich glaube inzwischen:

Ja. Unbedingt. Nicht weil Supervisoren plötzlich IT-Berater werden sollen. Sondern weil Technologie längst Teil der Arbeitswirklichkeit geworden ist. Digitale Kompetenz ist heute keine technische Spezialfähigkeit mehr. Sie ist Organisationskompetenz. Führungskompetenz. Bildungskompetenz. Und letztlich Selbstwirksamkeitskompetenz.

Die eigentliche Frage

Vielleicht ist die spannendste Frage gar nicht: „Wie nutzen wir KI?“

Sondern: „Sind wir überhaupt digital reif genug, um KI sinnvoll zu nutzen?“

Vielleicht diskutieren viele Organisationen schon über die nächste industrielle Revolution, während sie die Hausaufgaben der letzten zwanzig Jahre noch nicht erledigt haben. Datenqualität. Informationskompetenz. Digitale Selbsthilfe. Strukturierte Wissensarbeit. Kritisches Denken. Medienkompetenz.

Vielleicht müssen wir zuerst wieder lernen, Hammer und Amboss zu verstehen, bevor wir über automatisierte Schmiedehämmer sprechen.

Und vielleicht gehört genau diese Frage künftig in jede gute Supervision:

 

Ist das Problem wirklich ein Kommunikationsproblem – oder fehlt uns schlicht die digitale Reife, um unsere Arbeit in einer veränderten Welt noch wirksam zu organisieren?