Eine Woche Schweden. Viel Natur, Familie, Bücher und erstaunlich wenig Internet. Vor dem Urlaub hatte ich angekündigt, das Signal abzuschalten. Kein LinkedIn-Rauschen, keine schnellen Kommentare, keine Dauerverfügbarkeit. Abstand gewinnen, den Kopf freibekommen und ein bisschen echtes Leben ohne ersten und zweiten Bildschirm.
Hat das funktioniert?
Nicht vollständig. Aber gut genug, um einiges zu bemerken. Kein Mensch braucht morgens nach dem Aufwachen X Ganz ehrlich: Bin ich denn bescheuert? Warum sollte das Erste, was morgens auf mich einprasselt, die nächste politische Katastrophe, die nächste Empörungswelle oder die neueste Untergangsmeldung sein?
Ich habe eine Woche lang nichts von Donald Trump gehört.
Nichts!
Es war wunderbar.
Dasselbe gilt für vermutlich 80 Prozent dessen, was mir Social Media täglich als wichtig verkaufen möchte. Ich habe es nicht vermisst. Nicht X, nicht das ständige Kommentieren, nicht die künstliche Dringlichkeit und erstaunlicherweise auch nicht die KI.
Die Welt drehte sich trotzdem weiter.
Vielleicht ist nicht jede Nachricht, die sofort auf meinem Bildschirm landet, auch sofort mein Problem. Vielleicht muss ich nicht zu allem eine Meinung haben. Und vielleicht geht die Welt nicht automatisch unter, nur weil ich eine Woche lang nicht dabei zusehe.
Was ich dagegen tatsächlich brauche: Arbeit
Das hat mich selbst überrascht. Ich brauche Arbeit.
Nicht unbedingt den klassischen Job. Nicht die nächste Position, den nächsten Titel oder das nächste größere Gehalt. Aber ich brauche Aufgaben, Ideen, Projekte und das Gefühl, etwas zu entwickeln.
Mit 30 fand ich die Vorstellung noch irgendwie großartig, irgendwann im übertragenen Sinne mit den Stiefeln an den Füßen bei der Arbeit umzufallen. Heute erscheint mir diese wirtschaftliche Aussicht deutlich weniger attraktiv.
Ich möchte nicht bis zum letzten Atemzug beweisen müssen, dass ich produktiv bin.
Aber ganz ohne Arbeitsalltag kann ich es mir ebenso wenig vorstellen. Als ich wieder zu Hause war, bin ich sofort eingestiegen. Ideen sortieren, Projekte öffnen, Dinge bauen und natürlich mein persönliches Raumschiff weiterentwickeln.
Dazu demnächst mehr. Dann geht es um Narkon, mein Kommando-Deck und die Frage, warum ein erwachsener Mann dringend ein Raumschiff-Arbeitszimmer braucht.
Die Antwort lautet vermutlich: weil er es kann, Beltaloda ! (Hat meine Freundin uns vorgelesen).
Liebe schlägt Job und Geld
Eine andere Erkenntnis ist weniger überraschend, aber umso wichtiger:
Liebe schlägt beim Lebensglück immer den Job und das Geld.
Jeder Tag mit meinen Söhnen ist kostbar. Gerade jetzt, wo sie Teenager beziehungsweise beinahe erwachsen sind. Diese Zeit lässt sich nicht verschieben, nachholen oder später noch einmal buchen.
Auch die Zeit mit meiner Partnerin lässt sich durch kein Projekt ersetzen.
Arbeit kann sinnvoll sein. Geld kann vieles leichter machen. Erfolg kann sich großartig anfühlen. Aber keiner dieser Punkte sitzt abends neben einem am Wasser, lacht über denselben Unsinn oder geht gemeinsam auf Trolljagd.
Am Ende sind es Menschen, nicht Kennzahlen, die ein Leben reich machen.
KI macht nicht nur schneller – sie macht auch gleichzeitig
Zu Hause warteten Claude, ChatGPT und all die anderen digitalen Helfer schon auf mich.
Und ja: Es ist verdammt cool, was man inzwischen selbst entwickeln kann. Früher brauchte man häufig zuerst jemanden, der einem erklärte, warum etwas nicht funktioniert, viel zu kompliziert ist oder mindestens ein halbes Jahr dauert.
Heute baut man einen ersten Prototyp manchmal einfach selbst.
Das ist befreiend. Es hat aber eine Nebenwirkung: Die Geschwindigkeit steigt – und mit ihr die Gleichzeitigkeit.
Plötzlich können fünf Ideen gleichzeitig Realität werden. Aus einem Gedanken wird noch am selben Abend ein Konzept, eine Website, ein Agent oder eine kleine Anwendung. Das fühlt sich großartig an, produziert aber eine völlig neue Form von Stress.
Denn nur weil ich etwas beginnen kann, muss ich es noch lange nicht beginnen.
Als Scanner-Persönlichkeit habe ich ohnehin mehr Ideen als Zeit. KI verschärft das. Sie entfernt viele der bisherigen Bremsen – auch die Bremsen, die mich manchmal davor geschützt haben, gleichzeitig zwölf neue Projekte zu starten.
Mein Thema für die nächste Zeit lautet deshalb nicht noch mehr Geschwindigkeit.
Es lautet: Fokussierung.
Welche Ideen verdienen wirklich Zeit? Welche Projekte bringe ich zu Ende? Und was darf einfach eine schöne Idee bleiben, ohne sofort ein neues Verzeichnis auf dem Server zu bekommen?
Lesen ist großartig
Eine der besten Dinge dieser Reise war das Lesen. Nicht zwischen zwei Benachrichtigungen. Nicht drei Seiten, bevor das Smartphone wieder leuchtet. Sondern richtig lesen. Eintauchen, abschweifen, zurückblättern und sich Zeit lassen.
Meine Urlaubslektüre war „Die Gelehrten der Scheibenwelt“ von Terry Pratchett, Ian Stewart und Jack Cohen – eine herrliche Verbindung aus Scheibenwelt-Geschichte, Humor und Wissenschaft.
Fantasy und Wissenschaft schließen sich nämlich überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: Manchmal braucht es eine absurde Geschichte, um die reale Welt etwas klarer zu sehen.
Sehr empfehlenswert: Die Gelehrten der Scheibenwelt
Vollständig offline? In Schweden gar nicht so einfach
Der Digital Detox hatte allerdings einen praktischen Gegner: den skandinavischen Alltag.
Parken funktioniert vielerorts nur mit Parkster oder EasyPark. Keine Münzen, kein Parkschein, keine erkennbare Alternative. Selbst bei kleinen Museen brauchten wir teilweise das Smartphone, weil der Eintritt online gekauft wurde und der QR-Code anschließend auf dem Display lag.
Man kann das modern und bequem nennen.
Man kann aber auch feststellen: Eine Gesellschaft, die alles digitalisiert, macht es zunehmend schwer, sich bewusst aus dem Digitalen zurückzuziehen.
Ganz offline war ich deshalb nicht.
Meine Söhne störte das ohnehin wenig. Als Nerds kann man auch ohne Social Media hervorragend überleben. Dungeons & Dragons funktioniert analog ausgezeichnet. Und das von uns wiederentdeckte BattleTech ebenfalls. Und Magic the Gathering
Manaspells, Mimics, Kampfroboter, Würfel, Karten, Spiele, Bücher und viel Fantasie.
Nerds rule.
Urlaub außerhalb von Problemistan
Natürlich ist auch in Schweden nicht alles perfekt. Natürlich gibt es auch in Stockholm Probleme, Konflikte und ganz normalen gesellschaftlichen Irrsinn.
Trotzdem fühlte es sich zeitweise an wie Urlaub weit weg von Problemistan.
Nicht, weil es dort keine Probleme gäbe. Sondern weil nicht jede Schwierigkeit rund um die Uhr als bevorstehender Weltuntergang präsentiert wurde.
Vielleicht machen die skandinavischen Länder manches tatsächlich besser. Vielleicht erzählen sie es nur ruhiger. Vielleicht war ich aber auch einfach im Urlaub und hatte den Nachrichtenstrom ausgeschaltet.
Wahrscheinlich stimmt von allem etwas.
Kulinarisch bleiben ebenfalls wichtige Erkenntnisse:
Ich liebe Kavli Baconost aus der Tube.
Und ich vermisse erstaunlich schnell vernünftiges Schwarzbrot.
Auch kulturelle Offenheit hat Grenzen.
Es geht also doch
Offline geht.
Nicht perfekt. Nicht überall. Und vielleicht auch nicht dauerhaft.
Aber es geht lange genug, um wieder zu erkennen, was tatsächlich wichtig ist:
Menschen. Liebe. Familie. Natur. Lesen. Gemeinsames Erleben. Sinnvolle Arbeit. Und die Freiheit, nicht jede Minute über den Zustand der Welt informiert zu sein.
Ich werde es bald wieder machen.
Vielleicht schon an diesem Wochenende. Mit Rucksack, meiner Freundin und möglichst ohne digitale Fessel in die dänische Nachbarschaft.
Ich glaube, wir werden Trolle jagen.
Und wer weiß: Vielleicht ist die Welt danach immer noch da.
Vielleicht geht sie gar nicht unter.
Vielleicht ist nicht alles schlimm, schlimm, schlimmer.
Nur einmal als Idee. Und als Angebot.
Sendepause.
